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Eteri Gvazava
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Traviata à Paris
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DIE BEGEGNUNG MIT GIORGIO STREHLER
Auf Anregung von Carlo de Incontrera bestellt der große Regisseur die junge Sängerin zu einer letzten Anhörung nach Mailand - sie wird die Fiordiligi singen.
"Ich war noch Studentin ohne jegliche Theatererfahrung. Ich kam nach Mailand ohne ein Wort italienisch zu können - und ohne Geld. Meine Freunde in Karlsruhe hatten mir das Geld für den Flug geborgt".
Das große Rätsel war: wie wird sie sich auf der Bühne bewegen? Eteri scheint ruhig, fast zu ruhig für den anspruchsvollen Regisseur. Alle Zweifel zerstreuen sich nach den ersten Proben: Eteri gelingt die perfekte Übereinstimmung mit der Dorabella, interpretiert von Terese Cullen und dem Ferrando mit Jonas Kaufmann. Alle drei und insbesondere den zwei Schwestern gelingt es, sich unerwartet gegenseitig künstlerisch anzuspornen. Die Natürlichkeit der Bewegungen, die vertraute Ausdruckskraft der Stimme und die innere Noblesse, welche sie in die Fiordiligi legt, überraschen alle am Theater.
Giorgio Strehler stirbt am Morgen des 25. Dezember 1997, nach nur 11 Tagen Probe. "Ich konnte es fast nicht glauben. Ich fühlte mich verlassen, denn auch die Arbeit an mir war nur zur Hälfte vollbracht. Aber gleichzeitig fühlte ich mich als eine Auserlesene und Bevorzugte, denn ich hatte in den letzten 11 Tagen seines Lebens so viel von ihm bekommen. Von ihm habe ich gelernt, mit Natürlichkeit den innersten, intimsten Gefühle, der Unschuld, Reinheit und Ehrlichkeit Ausdruck zu verleihen".
"Così fan tutte" debütiert am 26.Jänner 1998 am Neuen Piccolo Teatro in Mailand. Der Erfolg ist ohnegleichen: 43 Aufführungen zwischen Januar und Februar - das Theater immer ausverkauft. Die Inszenierung wird für das italienische Fernsehen und Radio aufgezeichnet mit Wiederholungen in Italien, Frankreich, Spanien, Deutschland und Japan.

Arbeits - Tagebuch
Notizen zu den Proben von Giorgio Strehler
12.-23. Dezember 1997
Zum ersten Mal sehe ich euch alle zusammen; ihr macht auf mich einen disziplinierten und ernsten Eindruck, aber ich fühle, dass zwischen euch bereits so etwas wie Brüderlichkeit besteht und dass es möglich sein wird, eine einheitliche Gruppe zu bilden, ohne Trennung in erste oder zweite Kategorie. Es wird einfach so sein, dass gezwungener Massen einige von euch zuerst singen werden und die anderen später. Es ist wichtig zu wissen, dass jeder von euch gleich wichtig ist und alles können muss und samt seiner Persönlichkeit ersetzbar ist. Denn die Idee, die sich hinter einem Lächeln und den Bewegungen verbirgt, ist dieselbe. Vor Beginn der Proben mit euch hatte ich mir für einen Augenblick gewünscht, ihr hättet nie weder gesungen noch Cosí fan tutte gesehen. So dass euer "erstes Mal" mit diesem alten Herrn sein würde, der ein ganz anderes, ja in gewissem Sinne revolutionäres Cosí fan tutte im Kopf hat. Ich sage euch gleich, dass es nicht einfach sein wird, aber ihr braucht keine Angst zu haben. Ihr müsst nur frisch, spontan und glücklich sein, ihr müsst wie Kinder Freude am Spielen haben, aber auch ausgeglichen sein, denn diese Oper liegt mir sehr am Herzen, sie ist für mich ein großes Werk. Es ist unvorstellbar, was das Genie Mozart mit dem Libretto von Da Ponte geleistet hat, ein sympathischer Abenteurer, der viel vom Leben und der Liebe samt deren Eitelkeiten wusste. Da Ponte hat dieses Werk als "Freigeist" geschrieben, als "sittenloser Mensch", für den alles ein Spielchen ist. Und hier nun von Mozart die grandiose Musik; Cosí fan tutte wird oft eher als minderwertige Oper bezeichnet, gemessen in der Trilogie mit Don Giovanni und Le nozze di Figaro. Sie ist jedoch nur die letzte in der Trilogie der Leidenschaften: Le nozze di Figaro, über die Veränderlichkeit der Leidenschaften; Don Giovanni: die Tragik in der gegenseitigen Beziehung von Leidenschaften und deren Gegenteil. Und dann Cosí fan tutte: ein "Spielchen?" Nein, eine wundervolle Oper, voller einfacher und natürlicher Musik. Auch ich werde von euch Einfachheit und Natürlichkeit verlangen, sie sind die Grundlagen aller Künste ... je weniger man auffällt, desto größer ist man ... wenn es auch eine unrealistische Geschichte ist, man nimmt an, dass sich der "Vorfall" in Triest ereignet habe und alle Zeitungen jener Zeit darüber berichtet hätten. Cosí fan tutte ist wirkliches Musiktheater im Sinne, dass Mozart mittels seiner Musik die Handlung "gesehen" hat, sie ihm die Eingebung für eine perfekte aber einfache Verkettung der Ereignisse eingegeben hat. Mit jeder Geste müssen wir dies alles bekräftigen und unterstreichen - dies wird uns gelingen, wenn wir dem Inhalt seiner Musik folgen. Das, was wir alle leisten müssen wird große stilistische Schwierigkeiten mit sich bringen, da wir es mit einem hin und her schwankenden, ja geheimnisvollen Werk zu tun haben. So zum Beispiel die Gefühle: die zwei Schwestern aus Ferrara, Dorabella und Fiordiligi, sie lieben oder auch nicht. Die zwei eleganten Offiziere in ihren schönen und sauberen Uniformen, sie lieben oder auch nicht. Alles was geschieht - ist es echt oder falsch? Ihr werdet sagen, das ist unmöglich, außer man sieht das Ganze als Parabel ... Nun, Kinder, ich wiederhole es noch einmal: entweder es gelingt uns, Licht auf die unbekannte Seite dieser absolut zweideutigen Oper zu bringen, in der die Unsicherheit, die Wahrheit, die Falschheit, die Leidenschaft zum Gegenteil und das Spiel Wirklichkeit werden - oder es ist besser, wir lassen es bleiben. Also, wir haben diese zwei Mädchen und diese zwei Offiziere, welche sich später in Albaner, Molucken, Türken oder sonst etwas Unwichtiges verwandeln"... Wichtig ist nur, dass sie exotisch, fremdländisch, dass sie "anders" sind. Den zwei Mädchen gefallen sie, denn sie sind unterhaltsam, weniger förmlich, und man weiß, die Frauen achten auf den Kern der Dinge. Der falsche Guglielmo ist besser als der echte; der albanische Ferrando ist aufregender ... Zuerst sind beide naive junge Männer mit einigen Schwierigkeiten. Plötzlich sagt ihnen ein allwissender Greis: "aufgepasst Jungs, alle Frauen sind gleich, alle sind zum Betrügen bereit, wenn es notwendig ist". Aber sie glauben dies nicht, sie glauben, dass die Liebe ewig währt und dass man nicht hintergeht. Auch wir haben dies geglaubt, solange wir jung waren. Dann haben wir jedoch bemerkt, dass das Leben komplizierter ist ... denn wir haben gelitten, wie die Hunde. Also, zu Beginn befinden wir uns in einem Kaffeehaus. Da sitzt dieser Herr, der alles weiß, ein bisschen verwirrt und widersprüchlich, ein bisschen korrupt, ein bisschen intellektuell, ein Aufklärer, skeptisch und verbraucht, er trinkt Kaffee, liest die Zeitung und gibt Lektionen in Erotik, er ist ein sittenloser Mensch. Kinder, über eines müsst ihr euch im klaren sein: dies ist eine erotische Oper, voller Verlangen und voller Sexualität. Die ist keine nette Geschichte über einfältige Mädchen und Jungen: es ist die Geschichte von Menschen, die sich lieben, sich haben wollen, die sich austauschen, anders sein wollen, so wie es im wirklichen Leben passiert. Cosí fan tutte? - Sie machen es so? Aber nein, wennschon machen es alle so. Es ist doch keine Oper, die sich gegen die Frauen richtet: man denke nur an Mozart und Da Ponte. Nein, hier sind es alle, die gegenseitiges Verlangen verspüren, alle betrügen, alle lügen … Das Publikum versteht sofort, dass diese Personen sich verhalten, wie wir auch. Also … verzeihen wir, denn wir alle können Fehler machen ... ein bisschen Mitleid und Güte für den anderen, denn nicht nur wir, die wir singen, nicht nur wir, die Theater spielen, sondern auch jene, welche uns zuhören und uns sehen, können Fehler machen, sich täuschen ... Jetzt seht ihr mich an, als ob ich weiß Gott was gesagt hätte; wenn ihr einmal reifer sein werdet, werdet ihr euch daran erinnern, was euch dieser alte Herr gesagt hat, was er von euch verlangt hat. Kinder, das Leben ist dieses: alles ist in Bewegung, nichts steht still, nichts ist untätig, nichts ist kalt. Das Paar ist ein provisorischer Zustand und kann zerbrechen, kann sich lösen. Die Leidenschaften sind nie endgültig, nur augenblicklich. Die Erotik liegt immer jenseits aller Vernunft. Die Vernunft besiegt man mit Tricks, Komödie, theatralischer Verstellung, Ausreden und anderem mehr. Aber man muss Verständnis haben, denn wir alle sind voller Schuld. Ihr werdet jetzt sagen ... aber wir nicht, wir sind anders. Nein, vielleicht hat ihr es noch nicht getan, aber ihr werdet es tun, wir sind schwach ... Mozart empfiehlt uns, daraus keine Tragödie zu machen; man muss sich darüber im klaren sein, dass das Leben kompliziert und schrecklich ist. Mozart gefielen die Mädchen; aber er wusste auch, dass Constanze nicht ruhig und gelassen auf ihn warten würde und deshalb schrieb er ihr mit Nachsicht " benimm dich diskret in den Bädern von Baden Baden". Ein Mann, der das Gute und das Schlechte kannte, sagte uns mit einem ironischen, ja fast bösartigem Lächeln, gepaart mit ein wenig Mitleid, dass Mann und Frau zwei sehr zerbrechliche Wesen seien ... Denkt an Cosí fan tutte: Als die Paare in Verwirrung geraten, als der Betrug, der Verrat statt gefunden hatte, sagen die Mädchen: "Verzeiht, verzeiht, wir werden es nicht mehr tun …" Kann man dies glauben? Das ist egal, nehmen wir das nicht so Ernst. Überlegen wir uns folgendes, man kann Humor und Betragen in Windes Eile ändern und dort, wo es zum Weinen war, kann man auch lachen ... In Cosí fan tutte steckt viel Lächeln - süßes und possenhaftes Lächeln - aber am Ende auch Mitleid für uns arme Marionetten, die wir mit relativer Ehrlichkeit die Liebe vorspielen. Am Ende werden immer die Rollen getauscht. Dieses Spiel zwischenmenschlicher Beziehungen wurde von Mozart in ein grausames, lächerliches und gleichzeitig mitleidvolles Licht gesetzt. "Welch armselige und lächerliche Kreaturen sind wir doch, wenn wir lieben"

Photographs: Luigi Ciminaghi / Milano
"Arbeits - Tagebuch ". Text edit by: Nuovo Piccolo di Milano - Teatro d'Europa
Nuovo Piccolo di Milano
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